Es ist der ewige Kampf der menschlichen Eroberung. Es wird kahlgeschlagen, gebaut und gegraben, und doch: sobald der Mensch sich wieder verzieht und Orte sich selbst überlässt, vollzieht sich ein seltsamer Prozess. Die Natur erobert sich ihren Raum zurück, überzieht Flächen und bricht durch alle Ritzen, und während die lebendigen Spuren der Zivilisation verblassen, bleibt die Zeit einfach stehen.

Die folgenden Geisterorte versprühen einen einzigartigen Charme, der gruselig und romantisch ist. Doch sie erzählen auch Geschichten menschlicher Träume und Verluste und erinnern uns ehrfürchtig an unsere verhältnismäßig kleine Rolle im Kreislauf der Natur.

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Kolmanskop, Namibia

Es begann, wie so oft, mit Euphorie. Als 1909 ein Diamant gefunden wurde, baute man um den Fundort herum rasch ein dem Diamantenabbau gewidmetes Dorf auf. Anfang des 20. Jahrhunderts war die deutsche Kolonie Kolmanskop in Namibia die reichste Siedlung des Kolonialreichs, doch relativ bald war der Diamantenreichtum erschöpft. Seit 1956 hat der Wind den feinen Wüstensand gemächlich in jede Ritze der Geisterstadt geweht. Bemerkenswert ist darüber hinaus der unterschiedliche Charakter der verschiedenen Häuser: während die der Buchhalter etwas besser erhalten sind, hat der Sand die Behausungen der Minenarbeiter fast vollständig eingenommen, was im Zusammenspiel mit den abgewetzten Wänden in kräftigen Farben ein wehmütig-romantisches Gefühl erzeugt.

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Bodie, Kalifornien

Eine weitere Geschichte verblassten Reichtums erzählt die ehemalige Goldgräberstadt Bodie in der kalifornischen Prärie östlich von San Francisco. Nach dem anfänglichen Boom in der Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Goldminen leergeschaufelt, der Goldpreis fiel und während der 1930er Jahre wurde die Stadt langsam aufgegeben. Heute gilt Bodie dank der niedrigen Luftfeuchtigkeit als eine der besterhaltenen Geisterstädte der USA, die Zeit scheint hier schlichtweg stehengeblieben zu sein.

Mit dem Hintergrundwissen, dass die Stadt während ihrer Glanzzeiten auch ein Ort der Überfälle, Morde und des Postkutschenraubs war, geben die verfallenen Wohnhäuser und Saloons der Stadt ein dokumentarisches Bild des gesetzlosen Wilden Westens ab.

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Ta Prohm, Kambodscha

Wie die Tentakel eines gigantischen Tintenfischs muten die Wurzeln an, die die Tempelanlage Ta Prohm stellenweise durchbrechen. Ta Prohm liegt etwa 2 km nordöstlich der weitaus größeren und bekannteren Anlage Angkor Wat. Im frühen 12. Jahrhundert wurde hier auf 60 Hektar Fläche ein buddhistisches Kloster gegründet, es finden sich jedoch auch zahlreiche Reliefs in der Tempelanlage, die Szenen aus der hinduistischen Mythologie zeigen. Der verfallene Zustand ist allerdings kein Resultat menschlichen Versagens: Ta Prohm wurde auserkoren, als einzige Sehenswürdigkeit der Angkor Region nicht restauriert, sondern den Zeichen der Zeit überlassen zu werden. Die Würgefeigen freuen sich darüber, wie auch die Besucher, die die einmalige Atmosphäre der Tempelanlage auf gesicherten Wegen erleben können.

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Shengshan, China

Landflucht ist ein Phänomen, das schon lange global beobachtet werden kann. Auf der chinesischen Insel Shengshan, Teil der Shengsi-Inselgruppe und unweit der Millionenstadt Shanghai, ist genau das passiert. Da die Fischerei mit der Zeit nicht mehr lukrativ war, zog die Bevölkerung in die Städte: heute werden die Hügel, Häuser und Wege des Fischerdorfs beinahe flächendeckend von Efeu und anderen Gewächsen verschlungen. Der Kontrast zur nahegelegenen Skyline Shanghais, einer der größten Städte der Welt, ist dabei so aussagekräftig, dass er beinahe gewollt wirkt.

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Pripyat, Ukraine

Ein Schicksalstag, der vielen noch gut in Erinnerung geblieben ist: nach der Reaktorkatastrophe am 26. April 1986 wurde die Kleinstadt Pripyat, die 1970 mit dem Bau des Atomkraftwerks Tschernobyl gegründet wurde, vollständig evakuiert. Heute dienen die verfallenen Häuser der Geisterstadt als Mahnmal und erinnern an Bilder aus einem apokalyptischen Endzeit-Horrorfilm. In mehr als 25 Jahren seit dem Unglück hat der umliegende Wald Pripyat langsam wieder in sich aufgenommen. Reisende können die 30km-Sperrzone mit einer Zugangsberechtigung im Rahmen von geführten Touren besuchen. Zugegeben, der Besuch einer radioaktiv kontaminierten Kleinstadt klingt zwar nicht unbedingt wie ein Traumurlaub, doch solang man die Richtlinien befolgt und die Straßen nicht verlässt (bewachsene Bereiche sind stärker verseucht), ist die Strahlungsmenge im Zeitraum einer Tagestour absolut unbedenklich.

 

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