24 Stunden in Moskau
In Moskau vermischt sich grauer Alltag mit einer zauberhaften Märchenwelt. Man fragt sich, wie die Leute hier leben, zwischen den gigantischen Stalinbauten und Reklamen mit silbernen Armbanduhren, so groß wie ganze Häuserfassaden. Und dennoch liegt über dieser Stadt ein Zauber. Um an ihr Herz vorzudringen, muss man sie aufschrauben wie eine Matrjoschka - Schale um Schale, Autobahnring um Autobahnring. Aus der Satellitenstadt in die Innenstadt, durch die Tore der Kremlmauern hinein ins flackernde Licht eines Kirchenraums, wo dutzende Honigkerzen knistern. In der letzten Hülle steckt vielleicht das Lächeln einer Blumenverkäuferin, die dir vor dem Metro-Eingang eine kitschig gelbe Rose mit auf den Weg gibt.
Die Seele Russlands - wenn du sie irgendwo in Moskau antriffst, dann garantiert in der Galerie des Mäzens Pawel Tretjakow - ein idealer Ausgangspunkt für deine Städtereise. Das Schlendern durch die Ausstellungsräume gleicht einem Streifzug durch die dramatische Geschichte des Landes. Deckenhohe Gemälde erzählen von Zarenmorden, Glaubenskriegen und schönen Baronessen.
Nach dem tiefen Blick in die Seele Russlands kannst du dich um einen möglichst umfangreichen Ausblick auf die Stadt kümmern. Den besten bekommst du auf der Aussichtsplattform der Sperlingsberge geboten. Hinter dir thront die Lomonossow-Universität - eines der auch aus der Ferne nicht zu übersehenden sieben Moskauer Stalin-Hochhäuser (die "sieben Schwestern").
Moskau ist riesig – seinem 200 Kilometer langem U-Bahn-Netz sei Dank gelangst du auf deinem Kurztrip aber auch ohne Reisebusse an sämtliche Sights außerhalb des Zentrums. Einige Metro-Stationen gehören selbst zu den größten Sehenswürdigkeiten. "Paläste für das Volk" schwebten Stalin zumindest tief unter der Erde vor. Bis heute geben Kronleuchter, Mosaike und Gold die Kulisse für die tägliche Rushhour ab.
Die Metro bringt dich auch zum Neujungfrauenkloster, Moskaus größter und wohl schönster Klosteranlage. Etwas weniger Charme versprüht die kolossale Christi-Erlöser-Kathedrale am linken Ufer der Moskwa. Kein Wunder, handelt es sich doch um ein nagelneues, von äußerst weltlichen Firmen finanziertes Duplikat der einst von Stalin gesprengten russisch-orthodoxen Hauptkirche.
Begib dich jetzt in den Kreml, die historische Festungsanlage und das älteste Siedlungsgebiet Moskaus. Heute residiert hinter den weltbekannten, backsteinroten Mauern das russische Zentrum der Macht. Auf dem Kathedralenplatz stehst du inmitten einer großartigen Kulisse - dich umringen die bedeutendsten Krönungs- und Grabeskirchen des Landes.Auf dem Roten Platz ist ein Foto vor der bunten Zwiebelturm-Kulisse der Basilius-Kathedrale ein Muss. Der Eintritt lohnt weniger (viel stimmungsvoller ist die kleine Kasaner-Kathedrale am westlichen Ende des GUM - ein kunterbuntes Märchenhaus!). Die Warteschlange vor dem Eingang des Leninmausoleums reicht oft über den halben Roten Platz und das Sicherheitspersonal hält in Punkto Unfreundlichkeit die sowjetische Fahne hoch. Ein mystisches Erlebnis ist der Anblick des spärlich beleuchteten, käseweißen Leichnams des Sowjetunion-Gründers aber schon. Käse anderer Art, dazu Kaviar und Champagner in unzähligen Sorten findest du im GUM. Moskaus Kaufhauspalast ist eine Art Venedig ohne Wasser - Brücken verbinden Etagen voller Luxusgeschäfte und Cafés. Eine goldene Kreditkarte brauchst du dennoch nicht, alleine das Herumschlendern zwischen der sorgfältig inszenierten Konsumwelt ist ein Erlebnis. Im Bosco Café lässt sich Cappuccino mit Blick auf Roten Platz und Leninmausoleum schlürfen!
Spätestens jetzt ist es an der Zeit, noch ein anderes Gesicht Moskaus kennen zu lernen. Der Arbat, eine der ältesten Straßen der Stadt, trägt weder neureichen Schick noch stalinistischen Pomp. In Moskaus erster Fußgängerzone sorgen stattdessen Straßenmusikanten, Souvenirshops und nette Cafés für eine fröhliche Atmosphäre. In den bunten, historischen Arbat-Wohnhäusern aus dem 19. Jahrhundert wohnten einige der berühmtesten Schriftsteller und Künstler ihrer Zeit. Ein Tipp für Kunstfans: Auch die innovativsten und provokantesten Künstler der Gegenwart fanden kürzlich ein neues Zentrum in Moskau. Die glamouröse Milliardärin Darja Schukowa eröffnete 2008 ihre eigene Ausstellungshalle. „The Garage“ gilt seitdem als letzter Schrei der internationalen Kunstszene. Lange Öffnungszeiten erleichtern den Abstecher.
Sowohl was den kleinen Hunger (McDonalds, Blini-Stände, Restaurants) als auch das beginnende Moskauer Nachtleben angeht, bist du im Arbat-Viertel auf der guten Seite. Suchst du einen verrauchten Underground-Club mit Live-Musik, könnte das Projekt OGI das Richtige für dich sein. Bist du hingegen in großer Feierlaune und willst in die Moskauer Welt des Glitzerscheins zurückkehren, klopf an der Tür zum Club Propaganda an.