24 Stunden in Hamburg
Vielleicht ist es nur Seemannsgarn, doch Einheimische wollen Neulingen gelegentlich ein Gebot weismachen. Kein Hamburg-Reisender darf von der Stadt Abschied nehmen, ehe er nicht drei Dinge erledigt hat: Ein Fischbrötchen am Hafen essen, eine Kneipentour auf der Reeperbahn bestehen und eines der Mädchen besuchen, die dort aus unerfindlichen Gründen unzureichend bekleidet in den Schaufenstern sitzen (für weibliche Ausflügler ist der letzte Punkt immerhin optional). Hamburg ist eben die Stadt der Versuchungen. Schuld daran trägt allein der Hafen, an den sämtliche Hamburger ihr Herz verloren haben und der mit seiner kräftigen Brise Freiheit für ein Klima sorgt, in dem mehr erlaubt ist als anderswo. Wen wundert es, dass Abenteuerlustige seit jäher ihren Seesack mit der Hansestadt als Ziel packen.
Auch wenn du nicht im Herzen der Sünde logierst, solltest du dir die Reeperbahn mal bei Tageslicht und fernab des nächtlichen Trubels ansehen – ein idyllischer, fast unschuldig wirkender Ort. Einzig in der Herbertstraße, hinter einem Sichtschutz, den es zu umgehen gilt, wird auch zur Frühstücksei-Zeit dem ältesten Gewerbe der Welt gefrönt.
Ziehe nun über den Hans Albers Platz (der aus dem Film "La Paloma" bekannte Schlagerstar wird in seiner Heimatstadt bedingungslos verehrt) weiter zum Beatles-Platz am Beginn der berüchtigtsten Sündenmeile Hamburgs - der Großen Freiheit. Die Pilzköpfe spielen in der Stadt des melancholischen Ziehharmonika-Musikanten Albers zwar nur die zweite Geige, aber was für eine! Die unglaublichen Geschichten rund um die frühen "Hamburg Jahre" der Fab Four kannst du dir im erst kürzlich eröffneten Beatles-Museum reinziehen. Eine echte Empfehlung!
Begib dich nun zum Hafen, wo sich die Sache mit dem Fischbrötchen im Nu erledigen lässt. An schönen Tagen wimmelt es von Menschen auf der Hafenpromenade - doch es gibt eine Möglichkeit dem Trubel zu entfliehen. Lass dich mit dem Autofahrstuhl in den alten Elbtunnel hinab bringen. Nach dem etwas düsteren Spaziergang auf der einstigen Route der Hafenarbeiter kommst du auf der anderen Seite der Elbe wieder heraus um kannst Hafen und Hamburg-Skyline aus sicherer Entfernung betrachten.
Weiter geht’s entweder hinauf zum "Michel", dem mehrmals abgebrannten und wieder neu errichteten Wahrzeichen der Stadt (tolle Aussicht), oder du steuerst gleich die HafenCity als Ziel an (-warum nicht mit der Fähre! In der Stadt der Möchtegern-Seefahrer geht das mit einem gewöhnlichen Bus-Ticket). Zunächst triffst du auf das Backstein-Ensemble der Speicherstadt. Bringt dich dieses, im 19. Jahrhundert neu errichtete Viertel schon ins Staunen, wirst du beim Anblick der angrenzenden HafenCity erst recht Augen machen. Vor dir erstreckt sich das größte städtebauliche Projekt Europas!
Hamburg erfindet sich neu, dabei ist es auch dort, wo alles beim Alten bleibt, eine wahre Nordseeperle. Spazier weiter in die Altstadt und genieße auf dem geschäftigen Rathausmarkt den Blick auf die Fassade des prächtigen Ungetüms von Rathaus. In seiner Aula kannst du dich über den Werdegang der Hansestadt informieren. Steig unbedingt die Treppe in den kleinen Innenhof mit Brunnen hinab – einer der bezauberndsten Plätze der Stadt!
Besagte Stadt gibt sich in Folge betont elegant. Aus der Kippen rauchenden Hafenkurtisane wird an den venezianisch anmutenden Alsterarkaden plötzlich ein junges Fräulein von Welt. Flaniermeile Nummer eins ist und bleibt der Jungfernstieg am Binnenalster. Mit einem Bierchen im Alsterpavillion ist die Zeitreise ins stilsichere Hamburg der Nachkriegszeit endgültig vollzogen.
Genug der Nostalgie. Willst du Hamburgs neuen Trendkiez sehen, schwing dich in die U-Bahn (Sternschanze) und wechsle ins Schanzenviertel. Hier triffst du eine völlig andere, leicht verwucherten Welt an - das "alternative" Mekka der Stadt. Auf dem weiteren Weg durchs legendäre St. Pauli verringert sich die Dichte an Umhängetaschenträgern wieder etwas. Diesem Pflaster voller rockiger Kneipen und Cafés nimmt man sein Outsider-Gehabe eher ab, und sei es nur wegen der auf zahlreichen Balkons gehissten Piratenflaggen des 1. FC St. Pauli.
Es ist Abend geworden. Du bist wieder am Ausgangspunkt deines Hamburg-Kurztrips - und doch wirst du die Reeperbahn nicht wiedererkennen. Massen von feierwütigen Schreihälsen schieben sich durch ein Spalier aus Straßen-Prostituierten, die sich pünktlich mit Anbruch der Dunkelheit in Stellung gebracht haben. Ein bisschen trist ist das schon - ein guter Grund mehr um das Innere von Bierschenken aufzusuchen. Für die klassische Hamburger Kneipentour gilt: in keinem Laden wird länger geblieben, als es braucht, ein Astra hinunterzuspülen. Oder du ziehst ein Stück Richtung Hafen weiter und stattest dem kleinen Häuschen des legendären Golden Pudel Club einen Besuch ab. Eindeutig chilliger als auf der Großen Freiheit, und vor allem: Von hier aus ist es nicht mehr weit zum Fischmarkt, der sonntags um 5 Uhr Früh seine Pforten öffnet. Aal zum Frühstück ist ein Hamburger Ausgeh-Ritual!