Übersichtlich nennen Wohlmeinende die Metropole Namibias (250 000 Ew.). Andere bezeichnen die Stadt, die auf 1600 m Höhe wie verstreut zwischen bewaldeten Hügeln in einem weiten Hochtal liegt, als Dorf. Gemütlich, sagen jene, die dem kleinstädtischen Ambiente eine Portion Charme abgewinnen können. Langweilig ist der andere Begriff dafür, und noch drastischer bringt es die Jugend Windhoeks zum Ausdruck: »Windhoek sucks!« Soll heißen: Es ist nichts los in Windhoek.
Was stimmt, denn wenn ab 18 Uhr die Geschäfte geschlossen sind, kommt jegliche Aktivität zum Erliegen. Davon kann allenfalls der Besuch eines Restaurants ablenken, doch spätestens um 23 Uhr sind auch hier Küche und Bar off duty. Die wenigen Kneipen, Bars und Diskos lernt man an zwei Abenden kennen, und nur, wenn man Glück mit den Terminen hat, gibts noch eine Theateraufführung oder ein Konzert im Warehouse.
Windhoek ist brav, bürgerlich und dennoch afrikanisch. Mit Caféstühlen auf den sauber gefegten Bürgersteigen und alter, pittoresker Backstein- und Fachwerkarchitektur mit Schneeabweisern (!) an den Dächern. Wobei die Einflüsse englischer und holländischer Kultur in einigen der Fassaden auch nicht zu übersehen sind. Obwohl sich daraus einige Geschäftshochhäuser emporrecken, behält das Bild einen betulichen Charakter. Straßenhändler jedoch, die im Schatten von Platanen und Eichen Kunsthandwerkliches, Zeitungen und Süßigkeiten anbieten, relativieren diese Akkuratesse mit einer gehörigen Portion afrikanischer Exotik.
Es ist unübersehbar: Windhoek ist die Metropole einer aufstrebenden jungen Nation, und ihr unspektakulärer Charakter hat durchaus positive Aspekte. Denn es fehlt die Aggressivität, die die Besucher anderer afrikanischer Großstädte überfällt. Während dort, wie in Europa, Bettler und Obdachlose zum Gesamteindruck gehören, werden Sie in Windhoek nur vereinzelt auf Bedürftige treffen, obwohl 90 Prozent der Stadtbevölkerung im Viertel Katutura in stark unterpriviligierten Zuständen leben. Auch ist die Infrastruktur intakt, und die Stadt ist sauber bis in jeden Winkel. Chaotische Zustände durch lange Staus oder falsch geparkte Autos kennt man hier ebenso wenig wie den Begriff Smog.
Die Hauptstadt Namibias ist von allem etwas: europäische Provinz, afrikanische Folklore, Vorzeigemodell einer aufstrebenden, unabhängigen Gesellschaft. Deren Selbstbewusstsein tragen die schwarzen Hererofrauen in ihren wilhelminischen Trachten stolz durch den Alltag. Nicht weniger smart bewegen sich die Geschäftsleute aller Hautfarben durch die Straßen - nicht ganz eilig, aber immer vorwärts strebend....
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