Arepas, Parrillas, Bienmesabe
Zwischen „köstlich“, „exzentrisch“ und „schwer verdaulich“ schwankt das Urteil über Venezuelas Küche. Sie ist in der Tat eine kunterbunte Mischung aus den kreolischen Gerichten der comida criolla - was Sarkastiker als „Sklavenfraß“ übersetzen -, US-amerikanischem Fastfood, das hier mehr als andernorts in Südamerika eingeschlagen hat, der deftig-ehrlichen Bauernküche der Anden und der Llanos sowie den schmackhaften Fischgerichten der Küste.
Auf ein Grundnahrungsmittel aber verzichtet kein Venezolaner: auf die faustgroßen arepas aus Maismehl. Diese Kreuzung zwischen Brötchen und Teigtasche ist die Sättigungsbeilage schlechthin. Es gibt sie morgens, mittags, abends, gefüllt mit Huhn, Thunfisch, Schinken, Rührei, Tomaten, Zwiebeln oder als Brotersatzmit dem Sahnekäse nata.
Wen der Rinderwahnsinn davon abhält, in Europa Fleisch zu bestellen, dem hüpft hier das Herz höher. Ein Rind aus den Llanos hat 3-4 ha Naturweide für sich ganz allein. Die parrillas sind reichhaltig bestückte Grillplatten mit saftigen Filetsteaks, Schweinerippchen, Hühnerteilen, hausgemachter Blutwurst (morcilla) und Bratwurst (chorizo).
Die Regionalküche hält für Freunde des genüsslichen Ausprobierens einiges an Überraschungen bereit. Die Forellen aus den Anden sind normalerweise klein und mit Knoblauch und Olivenöl mariniert - mal ein ganz anderes Forellenerlebnis. In Mérida rühmt man die Hausfrauen für ihr Fruchtgelee, die in Maisblättern gewickelten abrantillados. Das Gelee - und das haben sie mit den Hausfrauen in Coro und ihrem köstlichen Ziegenmilchkaramell dulce de leche gemein - kauft man am besten bei ihnen persönlich. Schilder weisen den Weg.
Ziege (chivo) verspeist man auch gerne in Barquisimeto, zum Beispiel in Kokosmilch gegart. Dort liegt das Paradies des carne en vara, auf senkrechten Spießen gegrillten Rindfleischs. Italiener sind beim Essen bekanntlich Nationalisten, doch der Büffelmozzarella queso de bufala aus den Llanos lässt sogar sie in helle Begeisterung ausbrechen.
Und erst die Früchte! Die tropischen Gärten liefern sie in Hülle und Fülle: Limonen, Zitronen, Orangen, Ananas (piña), Bananen (plátanos, cambures und zwölf Dutzend andere Arten), ferner Passionsfrucht (parchita), Wassermelone (patilla), Zuckerapfel (chirimoya) und die cremig-süße guanabara. Alle diese köstlichen Vitaminspender werden auch als Saft (jugo) gereicht. Die Papaya (lechosa) wird gern für Obstsalate und Fruchtsäfte verwendet. Und die Passionsfrucht, auch als Maracuja bekannt, gehört zu den Vitamin-C-Bomben. Tropische Früchte haben den Nachteil, schnell zu verfaulen. Die Banane macht da eine Ausnahme: Solange man sie in der Schale lässt, ist sie für Reisende ein idealer Proviant, der an jeder Ecke zu kaufen ist.
Venezolaner versüßen ihr Leben gern mit Zucker - schließlich haben sie reichlich davon. Als Nachtisch kommt deshalb oft natilla in Frage, eine sahnige Eiercreme, ein quesillo-Pudding oder eine Art Tiramisu, das hier bienmesabe (Schmeckt mir gut) heißt. Dazu reichlich Kaffee, immer frisch gebrüht.
Als Longdrink hat sich das leichte, helle Bier durchgesetzt. Es wird bis unter den Gefrierpunkt gekühlt serviert, denn Hauptstädter weisen Flaschen, die keine Eiszapfen zieren, als ungenießbar zurück. Weiterhin die Nummer eins ist allerdings Cuba libre, mit braunem Rum zubereitet.
In Caracas können Besucher zwischen mehr als 600 Restaurants und 2000 Kneipen, Snackbars und Imbisslokalen wählen. Auf dem Land bleiben oft nur Letztere. Arepa-Stände gibt es überall. Criollo-Restaurants sind zumeist einfache Kantinen, areperas die Buden mit den Maistaschen. In den tascas finden Hungrige schon eher eine ansprechende Auswahl an kleinen Vor- und Zwischengerichten. Bei restaurantes kann es sich um recht einfache Speiselokale handeln, während cafés keineswegs nur Cafés sein müssen, sondern Snacks, Salate und Drinks anbieten. Abends verwandeln sich ganz normale Restaurants nicht selten in Abendlokale mit Tanzorchester, Conférencier und beliebter Bingotombola.
Im Übrigen können Gäste in der Hauptstadt neben den einheimischen so ziemlich alle Speisen dieser Welt probieren. Die spanische Küche aber wird - wie in ganz Venezuela - besonders hochgehalten. Die besten Restaurants in Caracas (viele von ihnen im Viertel La Candelaria auf halbem Weg zwischen Zentrum und Parque Central) sind die mit galicischer, andalusischer und katalanischer Küche.