Jerk food aus der Tonne
Würziger Rauch dringt durch einen Spalt aus dem Bauch einer rußig-schwarzen Blechtonne auf einem dünn-beinigen Eisengestell. Überall an Jamaikas Straßen stehen diese ausgedienten Ölfässer.
Sie qualmen vor allem nachmittags und bis in den Abend hinein und am Wochenende den ganzen Tag. In ihrem Innern brutzelt und räuchert gleichzeitig scharf mariniertes Schweine- und Hähnchenfleisch. Jerk pork und jerk chicken, allgemein Jerk Food genannt, sind eine echt jamaikanische Spezialität. Abends sind die Tonnen oft beliebte Treffpunkte, auch für solche, die gerade kein Geld für einen Hähnchenschenkel haben. Gewürzt mit Pfeffer, allspice (Piment oder Jamaika-Pfeffer genannt), Zimt, Muskat sowie Kräutern gart das Fleisch langsam über einem Feuer aus Pimentholz und nimmt so den unverwechselbaren Geschmack an. Zuerst von den Maroons in Erdmulden zubereitet, breitete sich das Gericht von Osten her über die ganze Insel aus. Boston Bay bei Port Antonio gilt unumstritten als Jerk-Hochburg. Jede Stadt besitzt neben den Straßenständen mindestens ein Jerk Centre, eine Art Imbissrestaurant. Man bestellt am Schalter die gewünschte Gewichtsmenge in Pfund. Wer es richtig scharf mag, probiert noch eine der Saucen, die oft nach einem Geheimrezept hausgemacht sind. Bei den meisten Jerk Centres stehen Tische und Bänke für den sofortigen Verzehr bereit. So eine Mahlzeit ist rustikal, preiswert, schmackhaft und typisch jamaikanisch - gegessen wird mit den Fingern.
Kleine, lokale Restaurants bereiten originale Hausmannskost zu. Die Einrichtung ist schlicht bis spartanisch, das Menü oft mit Kreide auf einer Tafel notiert. Das kostspieligste Gericht auf den Speisekarten ist meist lobster, gemeint sind allerdings immer Langusten.
Mehrgängige Menüs sind in einfachen Gaststätten nicht üblich. Das Hauptgericht wird mit Beilagen auf einem Teller serviert, vorweg oder gleichzeitig eine Tasse Fleisch- oder Fischbrühe, tea genannt, oft im Preis eingeschlossen. Einige wenige Restaurants im Land haben inzwischen eine Art „Nouvelle Cuisine von Jamaika“ mit landestypischen Produkten und verfeinerter Zubereitung auf der Grundlage traditioneller Rezepte kreiert.
Während in den Hotels Toast, Butter, Eier, gebratener Schinken, frische Säfte und Obst gereicht werden, ziehen Jamaikaner etwas kräftigeres vor: das Nationalgericht ackee and saltfish. Den Hunger zwischendurch stillen hot patties, mit Fleisch oder Gemüse gefüllte, würzige Teigtaschen, die in Bäckereien verkauft werden.
Das tropische Klima und würzig-scharfe Speisen machen durstig. Erfolgreicher als mit Softdrinks lässt sich eine trockene Kehle mit dem Fruchtwasser einer Kokosnuss bekämpfen, die an den Straßen angeboten wird. Nachdem die Nuss ausgetrunken wurde, benutzt man ein Stückchen Schale als Löffel, um das Fruchtfleisch auszukratzen: einfach köstlich! Wer es kräftiger mag, greife zu einem kühlen Red Stripe, so heißt die einheimische Biermarke. Der Blue Mountain Coffee zählt zu den besten Kaffeesorten der Welt. Leider ist nicht aller Kaffee, der auf Jamaika ausgeschenkt wird, wirklich Blue Mountain Coffee.
Jamaika-Rum ist neben Reggae wohl das bekannteste Exportgut. Zwei Grundtypen gibt es: den braunen, der mehr oder weniger lange in Holzfässern reift, und den weißen, ungelagerten, der so stark ist, dass Jamaikaner ihn meist mit ein wenig Wasser verdünnen.
Es lohnt sich, in den Bars zum Beispiel nach einem V/X zu fragen. Der ist allerdings viel zu schade, um in einer Cola ertränkt zu werden. Wenn Sie einen weißen Overproof bestellen, mit etwas Wasser oder Eis und Limone, dann kann es sein, dass ein Funke Anerkennung in den Augen des Barkeepers aufflackert - Jamaikaner trinken fast ausschließlich den starken weißen Rum.
Natürlich wird Rum auch zu diversen Cocktails gemixt, doch pur ist er einfach am besten. Für Schleckermäuler hat Jamaika einige sehr delikate Liköre zu bieten: Neben den bewährten Varianten mit Rum ist Tia Maria der berühmteste, er schmeckt nach Kaffee.
Zum Abschluss sei ein stärkender „Zaubertrank“ erwähnt, auf den Jamaikaner schwören. Irish Moos ist ein durch und durch gesundes Getränk aus gekochten Meeresalgen. Es wird mit gesüßter Kondensmilch und Muskatnuss gemixt und als Vorbereitung für eine Liebesnacht getrunken.