Die Stadt mit vielen Namen, Geschichten - und zwei Kontinenten
Fährt man abends den Bosporus entlang, vom Goldenen Horn aus Richtung Schwarzes Meer, wird einem gleich bei der großen Sultan-Mehmet-Brücke unweigerlich ein strahlendes Glitzern ins Auge springen. Es stammt von der beliebtesten, weil luxuriösesten der Bosporus-Diskotheken, der anno 2002 eröffneten Reina, in der sich die Jungen, Reichen und sonstwie Bemerkenswerten bei Champagner, Vodka und unerschwinglichen Sushi selbst feiern. Zwei Meter weiter wird einem etwas anderes ins Auge springen: Eine Müllkippe. Willkommen in Istanbul, der Stadt der Kontraste. Geschätzte zwölf Millionen Menschen leben hier, ganz genau weiß es keiner, was es nicht einfacher macht, sich hier zurechtzufinden. Denn Istanbul, lebendig, wild und brodelnd wie das Berlin der neunziger Jahre, widersetzt sich Klischees und einfachen Zuordnungen. Gut, das Sultanahmet-Viertel mit der Blauen Moschee, dem Topkapipalast und der Hagia Sophia bietet das Erwartbare: Touristen, Reisebusse, Ramschläden. Gleich nebenan aber, in Beyoglu, oder drüben, im asiatischen Kadiköy, wird es schon unübersichtlich – und lebhaft: Konsumtempel teilen sich den knappen Platz mit Bethäusern, Hedonismus mit Andacht, türkische Jugendliche im internationalen Indierockoutfit drängen sich an bärtigen Imamen vorbei – und hinter so manchem verwitterten Hauseingang verbergen sich Designershops und Cocktailbars, die auch in London oder Barcelona zur Avantgarde zählen würden. Zwei Ecken weiter: Bauruinen, eingestürzte Dächer – die Spuren des großen Erdbebens vom August 1999 prägen immer noch das Stadtbild. Eines aber eint die Bewohner dieser Stadt, so verschieden sie sonst sein mögen: ihre Eigenständigkeit. Istanbul, das merkt man schnell, liegt nicht ganz in Asien und nicht ganz in Europa, gehört nicht zur EU, aber auch nicht wirklich zur Türkei. Istanbul ist einzigartig.


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