Was für eine Insel!
Kreta ist eine Welt für sich. Griechenlands größte Insel ragt wie ein Hochgebirge mit fast 2500 m hohen Gipfeln aus dem Meer. Hier findet fast jeder, was er sucht: Lange Sandstrände und einsame Buchten, nächtliches Highlife und die Stille wilder Schluchten ebenso wie viele Möglichkeiten zum Biken, Golfen, Surfen oder Tauchen. Städte und Badeorte gehen mit der Zeit, in abgelegenen Bergdörfern läuft das Leben noch in traditionellen Bahnen. Kulturell hat die Insel als Heimat der ersten europäischen Hochkultur weit mehr zu bieten, als in einem einzigen Urlaub zu schaffen ist - ein guter Grund, immer wieder nach Kreta zu kommen.
Die Kreter legen zwar großen Wert auf ihre Zugehörigkeit zu Hellas, betrachten sich aber zugleich als ein ganz besonderes Völkchen. Die Insel ist so groß, dass man sie in einem Urlaub kaum völlig kennen lernen kann. Von West nach Ost misst Kreta 260 km, von Nord nach Süd bis zu 60 km.
Vier Gebirgsmassive prägen Kreta: im Westen die Weißen Berge mit dem 2453 m hohen Páchnes, östlich davon das Ída-Gebirge mit dem 2456 m hohen Timíos Stávros, im mittleren Osten dann das 2148 m hohe Díkti-Gebirge und im äußersten Osten schließlich das 1476 m hohe Sitía-Gebirge. In und zwischen diesen Bergmassiven liegt eine Reihe von Hochebenen versteckt, die völlig vom Meer abgeriegelt sind. In einigen wie der Lassíthi- und der Chandrás-Hochebene wird das ganze Jahr über intensiv Landwirtschaft betrieben; zu anderen wie der Nída- oder der Thriptí-Hochebene Ziehen die Bauern nur im Sommer hinauf.
Die Küsten der Insel sind so vielfältig wie das Binnenland. Man erlebt grandiose Steilküsten ebenso wie weite Küstenebenen, findet lange Kies- und Sandstrände, aber auch winzige Buchten. Zu Kreta gehören einige vorgelagerte Inselchen, von denen nur Gávdos ständig bewohnt ist. Andere stehen unter Naturschutz oder dienen im Sommer als Ausflugsziele mit oft einsamen Badestränden und höchstens einer improvisierten Taverne.
Auf Kreta leben etwa 600000 Menschen, über ein Zwanzigstel der Bevölkerung Griechenlands. Mehr als 150000 von ihnen wohnen im Großraum der Inselhauptstadt Iráklio, deren Infrastruktur für solche Menschenmengen kaum ausreicht. Iráklio leidet unter viel zu dichtem Verkehr und einer völlig planlosen Bebauung und wird damit zur hässlichsten, zugleich aber auch geschäftigsten und orientalischsten Stadt auf Kreta. Iráklio mit seinen Kirchen, Museen, Märkten und schönen Plätzen nicht gesehen zu haben wäre ein Versäumnis - dort zu wohnen aber kaum urlaubsgemäß. Auch die anderen Inselstädte liegen fast alle an der Nordküste. Chaniá und Réthimno sollten Sie unbedingt besuchen; beide Orte besitzen malerische Häfen, venezianische Adelspaläste und alte Gassen, Moscheen mit schlanken Minaretten und einladende Einkaufssträßchen. Hier wohnt man auch romantisch. Im äußersten Westen der Insel dämmert die Kleinstadt Kisámos vor sich hin, auf deren Besuch am ehesten verzichtet werden kann. Anders steht es um Ágios Nikólaos und Sitía im Osten. Ágios - wie die Stadt von den Einheimischen kurz genannt wird - ist wegen seiner herrlichen Lage an der Mirabéllo-Bucht und des kleinen Binnensees direkt am Hafen einen Ausflug wert. Sitía nimmt durch seine bauliche Geschlossenheit und die Gelassenheit, die Landschaft und Menschen ausstrahlen, für sich ein. An der Südküste ist nur Platz für eine einzige Stadt, Ierápetra. Der Ort am Libyschen Meer wirkt schon recht afrikanisch.
Leben und Landschaft an den Küsten sind im letzten Jahrzehnt stark vom Tourismus geprägt worden. Insbesondere zwischen Iráklio und Mália, wo einige der schönsten Strände der Insel liegen, musste die Natur oft einfallslosen Großhotels und kleinen Pensionen weichen. Diese Zersiedelung ist ein großer Umweltskandal, und bald schon werden die Küstenstriche zwischen Iráklio und Chaniá ein ähnliches Schicksal erleiden. Wo der Tourismus nicht zerstörend wirkt, sorgen die Bauern mit einer Unzahl von Gewächshäusern für eine Veränderung des Landschaftsbilds zum Negativen. Dennoch: Auch an der Nordküste zwischen Chaniá und Mália gibt es noch manch schöne Ecke. Und östlich von Mália sowie entlang der Südküste liegen eine Reihe von Orten und Buchten, die allenfalls im Hochsommer stärker vom Fremdenverkehr bestimmt werden.
Um das alte Kreta und die Tugend der Gastfreundschaft zu erleben, fährt man ohnehin am besten in die Berge. In den meisten Dörfern geht das Leben einen ähnlichen Gang wie vor 20 oder 30 Jahren. Die Bauern Ziehen mit Eseln und Maultieren aufs Feld, Hirten verbringen ihre Tage und Nächte mit Schaf- und Ziegenherden. In den Kaffeehäusern versucht man, mit den Besuchern ins Gespräch zu kommen und lädt sie zu Rakí oder Kaffee ein.
Unübertroffen ist Kreta als Ziel für Studienreisende. Vor allem die Zeugnisse aus minoischer Zeit, 3500 bis 4000 Jahre alt, sind weltweit einzigartig. Knossós und Festós erzählen von der ersten Hochkultur auf europäischem Boden. Faszinierend ist die landschaftliche Lage vieler Ausgrabungsstätten auch aus späterer Zeit. Aus der byzantinischen Epoche stammen fast 1000 Kirchen und Kapellen, oft mit mittelalterlichem Freskenschmuck. Auch in modernen Kirchen findet man traditionelle Wandmalereien. Uralte Klöster sind noch immer von Mönchen oder Nonnen bewohnt, die Besucher mehr oder minder herzlich willkommen heißen.
Die Venezianer, die Kreta über 300 Jahre lang beherrschten, haben Städte und Landschaften wesentlich mitgeprägt. Venedig hat den Anbau von Ölbäumen gefördert, Burgen erbauen und die Städte mit mächtigen Mauern umgeben lassen. Nach dem Fall Konstantinopels wurde Kreta für 200 Jahre zum Exil griechischer Aristokraten und Künstler. Der rege Austausch mit Italien führte Elemente der Renaissance in die kretische Kunst ein. Viele Bauwerke der Türken, die die Venezianer als fremde Herren über die Insel ablösten, sind nach der Befreiung von 1898 von den Griechen zerstört oder arg vernachlässigt worden. Erst in den 1970er-Jahren hat man auch Moscheen und Minarette als Kulturdenkmäler zu akzeptieren gelernt und restauriert. Heute verleihen sie besonders Chaniá und Réthimno, aber auch Ierápetra einen sympathischen orientalischen Einschlag. Die Jahrhunderte der Fremdherrschaft wurden von den Kretern nie widerstandslos hingenommen. Immer wieder kam es zu Aufständen, die blutig niedergeschlagen wurden. Die Gebirge der Insel und die Unzugänglichkeit vieler Hochebenen und Küsten sorgten dafür, dass sich die fremden Herren nie sicher fühlen konnten. Dass sich die Kreter immer mutig gegen die Besatzer wehrten, erfüllt die Inselbewohner noch heute mit Stolz.
Will man die Insel kennen- und verstehen lernen, braucht man Zeit. Kreter arbeiten nicht um der Arbeit willen; sie können es nicht verstehen, dass manche Gäste sich sogar im Urlaub unter Zeitdruck setzen. Das kretische Leben erfasst man nicht bei organisierten Ausflügen. Sie sind wegen der oft sehr guten Führungen für den Besuch von Museen und archäologischen Stätten zu empfehlen, doch aufs Land fährt man besser mit dem Moped, dem Mietwagen oder - am allerbesten - mit dem Linienbus. Meist liegen ursprüngliche Bergdörfer nur wenige Kilometer von den touristischen Küsten entfernt im Hinterland. Fährt man mit dem Linienbus, erlebt man vielleicht Bauern, die vom Markt kommen, hört echte griechische Musik aus dem Radio und sieht Frauen, die sich vor jeder Kurve und jeder Kapelle bekreuzigen. Steigt man dann auf dem Dorfplatz aus, ist man mittendrin im kretischen Alltagsleben....

