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Foto von flickr
Ein dutzend Mal täglich brummt der Bus von Puerto Montt durch die Heide an den Sund von Chacao, wo die Fähre wartet. Die Möwen kreischen hämisch, das Meer schäumt, und drüben sind schon die Kühe zu sehen. Die Insel Chiloé, 250 km lang und 50 km breit (150 000 Ew.), liegt wie eine grüne Riesenschildkröte vor dem chilenischen Festland im Pazifik. Die Bewohner der Hauptinsel und der zahlreichen vorgelagerten Eilande, die Chiloten, überstehen den Wechsel der Winde und den Wandel der Gezeiten mit der stoischen Ruhe wettergegerbter Steuerleute. Sie spinnen ihr Garn auf die langsame, bedächtige Art. Hacer quercun: eine Pause einlegen, auf besseres Wetter hoffen, den günstigen Wind abwarten, den Flug der Albatrosse deuten. Die Chiloten sind Kartoffelbauern und Muschelfischer. Ein Boot am Ufer, eine Kuh im Stall, Schweine im Koben und Hühner vor der Hütte hat ein jeder - und Schafe für die Pullover gegen den kalten Wind auch. Fünfsternehotels wird man auf Chiloé vergebens suchen. Aber Herzlichkeit und weiche Betten nah am Kanonenofen sind reichlich vorhanden. Die Insel Chiloé ist Balsam für die Nerven. Hier bewegt sich alles in Zeitlupe - so wirkt es jedenfalls. Dabei haben die Chiloten bloß Zeit, die kostbare, die andernorts im hektischen Leben der Neuzeit längst abhanden gekommen ist.
Ancud und Castro heißen die wichtigsten Städtchen der Insel. In den schlichten Kneipen bekommt man frische Austern und apio und ajo, Soßen aus Sellerie und Knoblauch, zum krossen Hammelbraten. Und hinterher Kartoffeltorte! Das frische Wetter macht Hunger. Wer will, kann sich das Essen selber fangen. Auf Chiloé fragt keiner nach dem Angelschein. Touristen sind amigos, Freunde. Im westlichen Chiloé erstreckt sich eine unberührte Wildnis von Tepabäumen, Südzypressen und Farnen entlang der sturmgepeitschten Pazifikküste. Tagelang kann man zu Pferd oder auf Schusters Rappen durch die menschenleere Landschaft streifen. Fotografen bieten die verträumten Dörfer an der Ostküste prächtige Motive. Castro und Chonchi sind wegen der bunten Pfahlbauten kleine Blockhütten-Venedigs. Jedes Holzhaus hat sein eigenes Gesicht. Selbst die stolzen Kirchen sind gefugt statt gemauert, alles aus Holz und ohne einen einzigen Nagel.
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