Savoir-vivre auf Balkanisch
Fremde durchqueren den staubdurchwehten Landstrich südlich der Karpaten meist ohne nach links oder nach rechts zu schauen. In der Bǎrǎgan-Steppe um Bukarest und östlich Richtung Schwarzes Meer reiht sich ein Getreidefeld an das andere. Etwas grüner und welliger ist es im westlichen Teil, in der Region Oltenia bei Craiova. Wegen ihrer Monotonie besticht die Walachei das Auge nicht auf den ersten Blick. Mit dem Ausdruck »in der tiefsten Walachei« verbinden Deutsche ein ödes und unberechenbares Niemandsland, das man besser meidet. Das Wort leitet sich vermutlich vom Begriff »welsch« her, mit dem im Deutschen früher alle romanischen Völker abwertend bezeichnet wurden. Die Rumänen selbst nennen die Gegend schlicht ţara româneascǎ - »Rumänisches Land«. Der Name stammt aus der Zeit vor 1859, als die Walachei noch ein eigenständiger Staat war, getrennt von Siebenbürgen und der Moldau.In der Walachei gaben sich die Fremdherrscher gewissermaßen die Klinke in die Hand. Kaum hatte sich das Land Mitte des 14. Jhs. unter Fürst Basarab I. von der ungarischen Hegemonie befreit, meldeten die Türken ihre Hoheitsansprüche an. Sie ließen zwar rumänische Fürsten regieren, verlangten aber materiellen Tribut. 1856 wurde die Walachei unabhängiges Fürstentum, drei Jahre später mit der Moldau vereinigt.Walachische Industriestädte wie Craiova oder Ploieşti mit ihren Schloten und Plattenbauten laden nicht zum Verweilen ein. Dennoch gibt es für Reisende mit Sinn für Kultur in der Region einiges zu entdecken: die altrumänische Architektur, die Fürst Constantin Brâncoveanu unter westlichem Einfluss prägte, die Fürstenschlösser in Târgovişte und Curtea de Argeş, Werke des Jahrhundertbildhauers Constantin Brâncuşi in Târgu Jiu und Rumäniens Hauptstadt Bukarest.

