Die Wiege der polnischen Staaten. Auf den Spuren von sagenumwobener und dokumentierter Geschichtsschreibung.
Einst wanderten drei Brüder, Lech, der Pole, Czech, der Böhme, und Rus, der Russe, und hielten Ausschau nach einem Land, in dem sie sich niederlassen könnten. Czech wandte sich nach Süden, Rus nach Osten. Lech hingegen wanderte mit seiner Gefolgschaft durch tiefe Urwälder, umging Seen und watete durch Flüsse, bis er zu einer Waldlichtung gelangte, auf der ein Adler seinen Horst gebaut hatte. Wenn der mächtige Vogel im Sonnenschein kreiste, sahen seine Flügel ganz weiß aus. »Hier«, beschloss Lech, »wo die Adler ihren Sitz haben, werde ich mich niederlassen. Und zur Erinnerung an diesen Tag wird mein Geschlecht einen weißen Adler im Wappen führen.«
So entstand der Sage nach Gniezno (Gnesen), auf Polnisch gniazdo, das Nest. Es war dies die erste polnische Hauptstadt, und bis heute führt Polen den weißen Adler im Staatswappen. Die spätere Geschichtsschreibung bestätigt Gnesens Rolle: Hier ließ sich der erste polnische Herrscher, Bolesław der Tapfere, im Jahr 1025 krönen, und bereits im Jahr 1000 hatte Kaiser OttoIII. in Gnesen das erste polnische Erzbistum gegründet. Die Kirchenordnung erinnert noch immer an diese Anfänge weltlicher und geistlicher Macht. Denn der Erzbischof von Gnesen und Warschau ist zugleich Primas von Polen und damit der geschichtlichen Überlieferung gemäß der Interrex in königslosen Zeiten.
Für die historischen Kerngebiete um Gnesen hat sich die Bezeichnung Wielkopolska (Großpolen) herausgebildet. Die Menschen leben bis heute vor allem von der Landwirtschaft, dem Handwerk und vom Handel - die Posener Messe, seit 1925 mit internationaler Beteiligung, blieb selbst unter kommunistischer Herrschaft neben Leipzig einer der wichtigen Ost-West-Umschlagplätze.
In der Region Wielkopolska gibt es zahlreiche Paläste, Herrenhöfe und Schlösser. Eine Fahrt durch die nacheiszeitlich geprägte Landschaft führt vorbei an sanften Anhöhen, Wäldern, Seen und an endlosen Feldern, über denen der scharfe Blütenduft von Raps oder der stumpfe Geruch reifen Korns hängt.



