Denkmal der Macht und des Glaubens
Wie eine Kröte mit hoch gewölbtem Rücken und dicken Beinen hockt die Hagia Sophia, die „Kirche der Heiligen Weisheit“, über der Altstadt von İstanbul. Mit ihrem rötlich schimmernden Mauerwerk und den später in osmanischen Zeiten angebauten vier Minaretten gehört das gut 1400 Jahre alte Monument immer noch zu den prägenden Erscheinungen der İstanbuler Silhouette und ist bis heute ein Wahrzeichen der Stadt.
Die im Altertum größte Kirche der Christenheit bietet Besuchern, sobald sie das Hauptschiff betreten, ein beeindruckendes Bild: Statt massiv und gedrungen, scheint die mächtige Kuppel in lichten Höhen zu schweben, als irdischer Spiegel des Himmels. Ein Kranz von 40 Fenstern im unteren Rand der Kuppel führt das Sonnenlicht geschickt ins Innere des großen Bauwerks und verstärkt den Eindruck der Schwerelosigkeit. Dieser Effekt wurde von den Architekten Anthemios von Tralles und Isidoros von Milet dadurch erzielt, dass sie die Hauptkuppel durch weitere Halbkugeln abstützten und die Pfeiler, die das Gewicht der Kuppeln auffangen, in die Seitenschiffe verbannten. Dadurch entstand ein riesiges freies Mittelschiff. Dieser für die damalige Architektur revolutionäre Ansatz wurde später auch zum Vorbild der Moscheebauten İstanbuls und der der Hagia Sophia gegenüberliegenden Blauen Moschee.
Auftraggeber für den Bau der Hagia Sophia war Kaiser Justinian, der die Kirche nach einer sensationell kurzen Bauzeit von nur 5 Jahren und 10 Monaten am 27. Dezember 537 weihte. Das statische Experiment der im Durchmesser 31 m großen Kuppel, die im Scheitelpunkt 49 m über dem Boden schwebte, stieß jedoch bald an seine Grenzen. Mehrere kleinere Erdbeben führten dazu, dass die Kuppel Risse bekam und 21 Jahre nach ihrer Fertigstellung im Mai 558 einstürzte. Da beide Architekten bereits tot waren, beauftragte der 76-jährige Justinian den Neffen Isidoros', Isidoros den Jüngeren, mit dem Wiederaufbau der Kuppel. Dabei wurden die äußeren Stützpfeiler verstärkt, was zu dem äußerlich gedrungenen Eindruck führt, und die Kuppel um noch mal 7 m angehoben. Diese Form der Kuppel, 56 m hoch und lediglich von außen durch weitere Pfeiler abgestützt, ist bis heute erhalten. Keine andere byzantinische oder osmanische Kuppel erreichte je wieder diese Höhe.
Die heutige innere Ausstattung der Hagia Sophia, die 1935 zum Museum erklärt wurde, ist bestimmt durch die 500 Jahre, in denen sie als Moschee diente. Bereits drei Tage nach der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 wurde die Kaiserkirche zur Moschee des Sultans erklärt. In der Apsis der Kirche steht das mihrab, die nach Mekka weisende Gebetsnische. Rechts davon ist der minbar, die Kanzel des Imam. Am auffälligsten sind die im Durchmesser 7,5 m großen Holzschilder auf der Höhe der Galerien, die als Kalligrafien die acht heiligsten Namen des Islam tragen. Bei näherem Hinsehen können Sie allerdings noch etliche Kunstwerke aus byzantinischer Zeit erkennen, vor allem Überreste der berühmten Mosaiken. Die ersten davon befinden sich in den Vorräumen zum Hauptgebäude, das bekannteste ist ein Mosaik aus dem 10. Jh. direkt über dem so genannten Kaisertor. Es zeigt den thronenden Christus. Weitere Mosaiken befinden sich in der Apsis und an den Wänden der Emporen, auf die übrigens sowohl in byzantinischer als auch in osmanischer Zeit die Frauen verbannt wurden. Das beeindruckendste Mosaikmotiv ist ein Andachtsbild, eine Deesis, das Jesus mit Maria und Johannes dem Täufer zeigt.
Im Garten der Hagia Sophia stehen drei Mausoleen, in denen die Sultane Mehmet III., Selim II. und Murat III. ihre letzte Ruhestätte fanden. Rund um das Bauwerk sind in den 1980ern Reste der Fundamente der Vorgängerkirche aus dem 5. Jh. freigelegt worden. Di-So 9.30-16.30 Uhr, Galerie 9-10.30 und 13-15 Uhr Eintritt je ca. 12 Euro (Sultanahmet)...

