Sie ist wohl das romantischste Viertel Prags: die Kleinseite unterhalb des Hradschin. Nicht nur Filmemacher sind von ihr begeistert, weil sie lediglich die Autos wegfahren und die Reklameschilder abmontieren müssen, um eine perfekte Kulisse für das 18. Jh. zu haben.
Auch die Prager hängen an dem Viertel - nicht zuletzt wegen seiner zahlreichen grünen Oasen.
Im 13. Jh. noch „Neustadt unter der Burg“ oder „Kleinere Prager Stadt“ genannt, erhielt das fast 7 ha große Gelände von König Přemysl Otakar II. 1257 das Stadtrecht. Im 16. Jh. motivierte die Nähe zum Machtzentrum - der Burg - den Adel zu einem Bauboom. Durch steten Handel mit dem königlichen Hof mehrten die Bürger ihr Vermögen. Es entstanden wuchtige Palais im Renaissance- und Barockstil.
Die Einheimischen schätzen das Viertel heute vor allem wegen der Entspannung, die man in den zahlreichen Gärten und Parks finden kann. Dem Straßenlärm der Letenská entflieht man zum Beispiel ganz leicht, indem man sich hinter die hohen Mauern des Waldstein-Gartens zurückzieht. Beliebtes Ziel für einen Sonntagsspaziergang ist die Halbinsel Kampa zwischen Moldau und dem schmalen Teufelsbach. Und zu jeder Jahreszeit empfehlenswert ist der Petříin (Laurenziberg), von dem aus man einen wunderschönen Blick über die Stadt hat.
Die Natur hat allerdings nicht nur segensreiche Seiten für das Viertel. Als Prag im August 2002 das schlimmste Hochwasser seit 500 Jahren erlebte, war die Kleinseite am stärksten betroffen. Im Unterschied zu anderen Stadtteilen war sie aber am schnellsten wieder von Flutschäden befreit - unter anderem deshalb, weil schon die Baumeister des Mittelalters die Häuser so robust konzipiert hatten, dass sie den regelmäßigen Hochwasserattacken standhalten können.
In den historischen Häusern wohnen inzwischen kaum noch Einheimische. Neben ausländischen Botschaften haben die beiden tschechischen Parlamentskammern und deren Verwaltungsapparate viele Gebäude in Beschlag genommen, es gibt luxuriös renovierte Büros und liebevoll eingerichtete kleinere Hotels. Dennoch: Spaziert man abends durch die nur schwach von Laternen beleuchteten Gassen, dann wirkt die Vergangenheit manchmal lebendiger als die Gegenwart.
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