Litauens barocke Metropole. Die Vielvölkerstadt Vilnius pflegt ihre alten Kirchen und baut auf den Optimismus ihrer jungen Bewohner
Früher hieß es, in jeder Richtung, in die man in Vilnius schaut, erblicke man mindestens drei Kirchen. In den letzten Jahren sah man allerdings vor allem Baustellen - und immer noch wird überall in Litauens Hauptstadt renoviert, restauriert, erneuert. Vilnius, 590 000 Ew., ist in jeder Hinsicht das Zentrum des Landes, politisch, kulturell, wirtschaftlich. 60 Prozent aller Auslandsinvestitionen fließen derzeit in die Metropole, und seit dem EU-Beitritt steigt die Nachfrage weiter.
Die Stadt ist ein Schmelztiegel der Kulturen, mit der ältesten Universität des Baltikums, zehn Theatern, fast dreißig Museen, einem pulsierenden Nachtleben. Kein Wunder, dass Vilnius auf die junge Generation wie ein Magnet wirkt. Wer in Litauen nach oben will, zieht in die Hauptstadt, deren Bürgermeister selbst erst Ende dreißig ist und in seinem Büro eine Webcam installiert hat, sodass man ihm via Internet live bei der Arbeit zuschauen kann.
Vilnius ist berauschend schön und vereint viele Baustile in sich, von der Gotik bis zum Klassizismus, doch seine Prägung erhielt das »Rom des Nordens« im Spätbarock. In der Altstadt, der größten Osteuropas, reihen sich prachtvolle Bürger- und Kaufmannshäuser, Kirchen und Klöster aneinander.
Vielvölkerstadt Vilnius. Wohl keine europäische Hauptstadt wechselte so oft Namen und Herren, allein im 20. Jh. acht Mal. Für die Litauer heißt sie Vilnius, Deutsche und Weißrussen sagen Wilna, die Russen Wilno, die Juden Vilne. Die Polen betrachteten ihr Wilno so kompromisslos als urpolnische Stadt, dass sie sie in der Zwischenkriegszeit okkupierten - was ihnen manche Litauer bis heute nicht verzeihen, selbst wenn der Streit offiziell beigelegt ist.
Vilnius wuchs an allem, überstand Polonisierung und Russifizierung und leidlich selbst die lange Nacht der Sowjetagonie. Die Stadt baut auf den Optimismus ihrer jungen Bewohner und darauf, dass toleranter Katholizismus, multikulturelle Offenheit und das neue Europa ganz gut zusammenpassen. Entsprechend selbstbewusst bereitet sie sich darauf vor, 2009 ein Jahr lang »Kulturhauptstadt Europas« zu sein. Viele werden kommen - und sich wundern. Es fällt leicht, fasziniert zu sein von dieser barocken, lebensfrohen, grünen Metropole, in der man mitunter das Gefühl hat, in Italien oder Spanien zu sein. Der Osten scheint fern. Doch ist das ein Wunder? Schließlich liegt der Mittelpunkt Europas nur 25 km vom Stadtzentrum entfernt....

