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Foto von lavelehostel
Der Westen Bulgariens, der in diesem Kapitel beschrieben wird, besteht im Grunde aus drei Teilen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Der Nordwesten des Landes, vom Tourismus noch weit gehend unberührt, ist dünn besiedelt, wirtschaftlich schwach, und der Zustand mancher Straßen lässt noch sehr zu wünschen übrig. Der von ursprünglicher Natur geprägte Südwesten dagegen ist für Urlauber leichter zu bereisen. Dominiert wird die Region aber von der bulgarischen Hauptstadt.
Südlich vom Balkangebirge breitet sich die Metropole Sofia aus, umringt von Bergen. In der mit Abstand größten Stadt des Landes lebt jeder siebte Bulgare. Die Bedeutung des Ortes rührt von seiner Lage als Schnittpunkt der wichtigsten Verbindungslinien auf dem Balkan: Durch ihn führen die Wege von Wien nach Istanbul, vom Schwarzen Meer zur Adria und von der Donau zur Ägäis. Diese Lage zog schon früh erste Siedler an und später dann Feldherren und Eroberer. Anhand der wechselnden Namen lässt sich die Geschichte nachvollziehen: »Serdica« (vom thrakischen Stamm der Serden) hieß Sofia in der thrakischen und der römischen Zeit, »Sredec« (Platz in der Mitte, im Zentrum) während des Ersten und später auch während des Zweiten Bulgarischen Zarenreiches, zwischendurch in der byzantinischen Herrschaftsperiode »Triadica«, schließlich ab dem 14. Jh. »Sofija«, benannt nach der Heiligenkirche, die im Zweiten Zarenreich als Metropolitenkathedrale fungierte. Nach der Ausgliederung aus dem Osmanischen Reich 1878 wurde der Ort erstmals die Hauptstadt eines bulgarischen Staates, und damit begann seine rasante Expansion, die ihn binnen weniger als einem Jahrhundert von rund 20 000 Ew. zur Millionenstadt machte. In dieser Zeit entstand das Wort, das Sofia gerne als sein Motto ausgibt: »Stets wachsend, niemals alternd«.
Die landschaftliche Lage ist eine der Hauptattraktionen der Stadt. Im Norden grenzt sie an den Balkan, im Osten an das Mittelgebirge Sredna Gora, im Süden liegt das Rila-Gebirge, innerhalb einer Stunde mit dem Auto erreichbar. Das Sahnehäubchen ist aber das praktisch unmittelbar zur Stadt gehörende Vitoša-Gebirge im Südwesten. Weniger als 10 km vom Zentrum Sofias entfernt erheben sich dessen erste Gipfel über der Stadt, ihr allgegenwärtiger, überall sichtbarer Begleiter. Natürlich war das Vitoša-Gebirge seit alters das beliebteste Ausflugsziel der Sofioter und ist dies bis heute auch geblieben.
Wer einen Teil seines Urlaubs abseits vom touristischen Rummel verbringen und das »eigentliche« Bulgarien aufspüren will, wird im Südwesten des Landes reichlich belohnt. Mit seinen beiden Massiven Rila und Pirin, seiner Fülle an Gebirgsseen, Flüssen und Mineralquellen, seinen malerischen Ortschaften und alten Klöstern präsentiert das Gebiet landschaftliche Vielfalt in selten bewahrter Ursprünglichkeit. Beherrschend sind die Gebirgszüge Pirin und Rila, von denen der Pirin etwas wilder ausfällt, doch ist auch er leicht zugänglich. Wegen des seltenen Reichtums und der Vielfalt der Pflanzen und Tiere wurde ein Areal von 274 km² im Pirin-Gebirge zum Nationalpark erklärt, der unter Unesco-Schutz steht. Gebirgswanderrouten führen zu den Gipfeln Vichren (2914 m), Kutelo (2908 m) und Todorka (2746 m), vorbei an vielen der fast 180 Gletscherseen.
Ebenso eindrucksvolle Bilder bietet das Rila-Gebirge mit seinen 132 Zweitausendern, von denen 78 über 2500 m erreichen, darunter der Musala, mit 2925 m die höchste Bergspitze Südosteuropas. Zwischen den spitzen Bergzacken liegen in deutlich umrissenen Gletschertälern die »Augen« des Gebirges: 140 Seen aus der Eiszeit. Eine Augenweide ist vor allem der Anblick der sieben Rila-Seen auf 2200 bis 2500 m Höhe. Im Rila-Gebirge entspringen auch die von der Donau abgesehen größten Flüsse des Landes, Iskâr, Marica und Mesta, sowie zahlreiche Mineralquellen, weswegen sich im Südwesten viele Heilbäder und Kurzentren konzentrieren (Sandanski, Velingrad, Devin, Kjustendil).
Mit der bulgarischen Geschichte wird man vor allem durch die Klöster in Berührung kommen, in erster Linie natürlich durch das Nationalheiligtum in Rila, dann durch die Anlage von Rožen, in der Nähe Melniks gelegen. Aber auch die bewegte Vergangenheit und vielleicht zuweilen die Gegenwart Makedoniens wird beim Bummeln durch die Ortschaften lebendig. Denn der Südwesten beherbergt mit dem Pirin-Gebiet jenen Teil von Makedonien, der bei der Dreiteilung 1913 an Bulgarien fiel. Zahlreiche Denkmäler, Museen und Städtenamen sind berühmten Vertretern der makedonischen Bewegung wie etwa Goce Delčev oder Jane Sandanski gewidmet.
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