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Forio

Forio

von Marcopolo

Die schönste Spitze auf der Westseite Ischias ist das von Klippen umgebene Felsplateau, auf dem sich das schlohweiß gekalkte Seefahrerkirchlein Santa Maria del Soccorso erhebt. Weithin sichtbar, scheint es über dem Meer zu schweben, und von seinem Kirchvorplatz bietet sich ein phantastischer Rundblick auf die Häuser von Forio vor dem Hintergrund des mächtigen Epomeo-Gipfels sowie die Küstengebiete gen Norden und Süden dieser mit 14 000 Ew. zweitgrößten Gemeinde Ischias: Der Blick schweift von der zerklüfteten, bewaldeten Landzunge Zaro mit der Spitze Punta Caruso im Norden über die weiten, einladenden Sandstrände San Francesco und Chiaia, den Hafen Forios und gen Süden zur Citara-Bucht vor der Kulisse der ins Meer aufragenden Felskuppe Punta Imperatore. Der Name Forio könnte aus dem italienischen rifiorì (blühte wieder auf), nach poetischen Gemütern sogar aus fiore (Blume) hergeleitet werden - das Blumenmotiv im Stadtwappen dürfte Letzteren recht geben. Wie dem auch sei: Diese Schmeicheleien verdient Forio auch. Der Citara-Strand trägt sogar den Namen der Schönheitsgöttin Venus Cytherea. Ihren Tempel ersetzt heute die dem Meeresgott Poseidon gewidmete, für viele die prächtigste, mit Sicherheit aber die größte Thermalanlage Ischias.

Anders als Ischia, Handelszentrum der Insel, machte sich Forio als Kulturzentrum einen Namen. Besonders in den 1950er-Jahren war Forio für internationale Künstler, Literaten und Leute der Filmund Theaterwelt mehr als ein Urlaubstipp. Ort und Umgebung galten als eine Quelle der Inspiration.

Zu jener Zeit war im Herzen des Städtchens das Café La Maria - Bar Internazionale der beliebte Treffpunkt vieler nonkonformistischer Schriftsteller wie W. H. Auden, Tennessee Williams und Truman Capote, der sich im Jahr 1949 monatelang in der nahe gelegenen Pension Di Lustro einquartiert hatte. Literatur-Nobelpreisträger Pablo Neruda schaute öfters vorbei, und die beiden Enfants terribles, der Regisseur Pier Paolo Pasolini und der Schriftsteller Alberto Moravia diskutierten im Schatten der duftenden Glyzinien bis tief in die Nacht hinein. Ihnen wurde der kühle lokale Weißwein persönlich von der kratzbürstigen Padrona, Maria Senese, serviert. Sie starb 1979, ihre Person von einem Mannsweib bleibt aber, als Türkenbaba, in der Auden-Kallmann/Strawinski-Oper »The Rake's Progress« verewigt. Die Bar existiert noch, doch ihr Künstlerflair ist längst verweht. Aber die Glyzinien, die Ficus-benjamini- Bäume und der moosbewachsene Springbrunnen auf der Piazzetta: Sie erinnern sich noch daran.

Zudem liegt die Bar an der zentralen Flaniermeile Corso Umberto, dort wo diese sich zur Piazzetta Matteotti mit weiteren Cafés und Lokalen weitet: tagsüber und abends Treffpunkt damals wie heute. Überhaupt lädt die Altstadt Forios mit ihren Geschäften, Lokalen, ihren zahlreichen Kirchen und teilweise schönen alten Häusern mit Innenhöfen und den charakteristischen Torbögen aus dunklem Peperinstein zum Bummeln ein.

Im 15. und 16. Jh. litt die Küste immer wieder unter den Überfällen arabischer Piraten, sodass man eine ganze Reihe Wehrtürme baute, torrioni genannt. Einige von ihnen sind heute um- und ausgebaut, zum Beispiel steht im Ortsinnern ein torrione, in dem das sehenswerte Werk des lokalen Künstlers Giovanni Maltese ausstellt ist. Ein anderer Wehrturm hoch über den Klippen der Baia San Montano auf der Halbinsel Zaro bildet heute den Zentralkörper des traumhaften Luxushotels Mezzatorre.

Nicht weit davon oben im Wald steht die herrschaftliche Villa des berühmten italienischen Filmregisseurs Luchino Visconti (gest. 1976), La Colombaia (Der Taubenschlag), ebenfalls ursprünglich ein Wehrturm und in den Glamourzeiten der 1950er- und 1960er-Jahre sein Sommersitz. Damals begannen auch der englische Komponist William Walton und seine Frau Susana ihren exotischen Garten La Mortella anzulegen, seit 1991 Besuchern zugänglich und eine Hauptattraktion der Insel.

Zu guter Letzt: Beim Spaziergang vom San-Francesco-Strand die Flanke der Zaro-Halbinsel hinauf, in deren Vegetation sich prächtige Villen verstecken, erreicht man ein Belvedere mit dem schönsten Blick auf die Küstenlandschaft Forios. Und wer Glück hat, wird von einem sehr seltenen, sehr kurzen Naturphänomen beschenkt: dem »Grünen Strahl« beim Sonnenuntergang am Ende eines schönen Sommertags. In dem Augenblick, wenn die Sonne ins Meer taucht, leuchtet plötzlich ein grüner Schimmer am Horizont auf. Wer das erlebt - so heißt es -, blickt ins Innerste seiner Seele, so klar und unerschrocken wie nie zuvor.

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