Was für eine Insel!
Mallorca ist ein Magnet, zieht sie alle an: Könige, Künstler, Aus- und Umsteiger - und vor allem Touristen. Kein Mittelmeerziel ist vielseitiger und wandlungsfähiger. Die einstige Bauern- und Fischerinsel hat sich zu einem multikulturellen Mikrokosmos mit hervorragender Infrastruktur und hochwertiger Gastronomie gemausert, ohne dabei ihr höchstes Gut zu verschandeln: die überwältigend schöne Natur. Fünf Sterne für die Berge über dem Meer, die türkisfarbenen Badebuchten, die weiten Dünenstrände, die immergrünen Bäume und die duftende Stille gleich hinter der Hotelmeile. Und ein Hoch auf die Gastgeber.
Wildes Zikadengeschrei im Ohr und Pinienduft in der Nase, die heiße Sonne im Nacken - und von unten schimmert durch das Grün der Baumkronen die türkisblaue Bucht mit ihrem weißen Sandsaum: Die Cala Mondragó ist nur eine von Hunderten kleiner Sandbuchten rund um die Insel.
Und sie entspricht so ganz dem Traumbild von Sonne, Sand und Mittelmeer. Dass sie zudem auch noch kaum bebaut ist und zum streng geschützten Naturpark erklärt wurde, signalisiert ökologische Einsicht, die andernorts im Mittelmeerraum eher selten anzutreffen ist.
Unter mannshohen Bambushainen murmelt Wasser, Sonnenreflexe verzaubern stille Teiche, uralte Palmenkronen wiegen sich über plätschernden Wasserspielen, und ein überwältigender Duft unzähliger weißer Orangenblüten berauscht die Besucher in den Jardins d'Alfabia, den orientalischen Gärten von Alfabia. Winter auf Mallorca, nur etwa zwei Flugstunden vom Schmuddelwetter in der kalten Heimat entfernt.
Über dem Berggipfel kreist lautlos ein Fischadlerpärchen, ganz unten im Tal bedecken weiße Schleier blühender Mandelbäume, die sich von einem lilablauen Wolkenhimmel abheben, die rote Erde, zaghaft beschienen von den Strahlen der Frühlingssonne. Eine Wandergruppe verzehrt mit Genuss Mitgebrachtes: pa amb oli (Brot mit Olivenöl und Tomate) und feuerrote sobrasada (Schweinemettwurst), köstlicher Inselwein rinnt durch die Kehlen, und die Welt ist an diesem Tag in Ordnung.
Bilder aus Mallorca, bunt und kontrastreich wie die ganze Insel. Kaum ein anderes europäisches Reiseziel ist deshalb auch so in aller Munde. Fast 7 Mio. Touristen besuchen jährlich die größte der Baleareninseln - sie können sich nicht irren. Was sie in ein oder zwei Ferienwochen zu Gesicht bekommen, hängt ab vom jeweiligen Interesse, von Geldbeutel und Tatendrang. Dem sind im Frühling, Herbst und Winter kaum Grenzen gesetzt: Das reicht vom Spaziergang zur Zeit der Mandelblüte bis zur hochkarätigen Hochgebirgstour von Hütte zu Hütte, vom Familienvergnügen im Mega-Minigolfpark bis zum Golfparcour auf einem der über 20 Plätze, von der beschaulichen Fahrradtour durch verschlafene Inseldörfer bis zur Tour de Mallorca mit dem Rennrad auf einer der schönsten Panoramabergstraßen Europas. Und dann ist da natürlich Palma, die Hauptstadt, eine der schönsten Städte am Mittelmeer, die meisterhaft Altes bewahrt und Neues kreiert, die sich rund um die Uhr immer wieder neu inszeniert - mit Musealem aus 3000 Jahre alter Inselgeschichte und Trendigem wie Yoga- und Spa-Center, New-Fashion-Shops oder Kakao-Boutiquen.
Für die meisten Sommergäste reduziert sich der Hauptstadtbesuch auf einen Tag, sie sind in der Regel auf Sonne, Sand und Meer fixiert. Mehr als 150 Sandstrände, deren Gesamtlänge ungefähr 50 km beträgt, werden diesem Wunsch gerecht, zumal das Wasser rund um die Balearen als das sauberste im Mittelmeerraum gilt.
Über 40 Yachthäfen und eine Vielzahl an Segel-, Surf- und Tauchbasen machen Mallorca zu einem Paradies für Wassersportler. Wer nicht sein eigener Kapitän ist, bucht eine Bootstour, vom Halbstundentrip mit dem simplen Tretboot über die gemütliche Sightseeingtour mit dem Ausflugsdampfer bis zur einwöchigen Inselumrundung auf einer Yacht.
Über 6000 Restaurants, Cafés und Bars bieten eine breite Palette an kulinarischen Genüssen für jeden Geschmack und Geldbeutel: Gourmets können in einem halben Dutzend sternegekrönter Edelrestaurants sündhaft gut (und teuer) schlemmen oder in ländlichen Dorfgasthäusern die bodenständige oder verfeinerte Inselküche kosten, Sparsame finden in jedem Badeort genug Cafeterias mit preiswerten Tagesmenüs oder einer breiten Palette an Tapas.
Das Image der Insel wandelte sich immer wieder, seit Franco in den 1960er-Jahren mit seinem staatlich verordneten touristischen Expansionsprogramm die Küsten Spaniens und vor allem Mallorcas massiv bebauen ließ und für ein Wirtschaftswunder sorgte. Ein zweites Wunder geschah, als in den 1980er-Jahren der wachsende Protest organisierter Umweltschützer Einsicht zumindest bei einigen Politikern weckte, der bis dahin nahezu ungezügelten Bauwut Einhalt zu gebieten. Erstmals beschloss das balearische Parlament Gesetze, die ein Drittel der Insel unter Naturschutz stellten und zukünftige Hotelbesitzer verpflichteten, mit jedem neuen Gästebett 60 m² Grünfläche anzulegen. Damit wurde Mallorca zum Vorreiter in Sachen Umweltschutz im gesamten Mittelmeerraum.
Mallorca avancierte von der Putzfraueninsel und der Insel der Ballermänner zur Finca- und Promi-Insel. Es galt als schick, auf Malle eine Finca als Zweitwohnsitz sein eigen zu nennen oder zumindest in einem angemieteten Landhaus mit Swimmingpool Urlaub zu machen. Inzwischen suchen ausländische Feriengäste ihre Quartiere schon lange nicht mehr nur an der Küste, sie mieten sich in kleinen, aber feinen Dorfschönheiten, in sogenannten hotels interiors ein oder suchen übers Internet eine Privatwohnung mitten im Dorf. Diesem Trend steht die wachsende Zahl von Strandhotels mit All-inclusive-Angeboten gegenüber; starke Kontraste auf einem Eiland von nur 3640 km mit ganz unterschiedlichen clientes, wie die im Tourismus arbeitenden Einheimischen ihre Gäste nennen. Die Mallorquiner haben sich darauf eingestellt, wie sie sich schon so viele Male zuvor in ihrer Inselgeschichte an neue Gegebenheiten anpassen mussten.
Im Lauf der Jahrhunderte hat Mallorca mit Römern und Arabern, Vandalen und Byzantinern, ja auch mit den Festlandspaniern immer wieder Besatzungen erlebt. Duldung und Integration lagen den Insulanern wesentlich mehr als Widerstand oder Hass. Was Kritiker als Phlegma der mallorquinischen Mentalität bemängeln, verstehen andere als Toleranz. Und tatsächlich zeichnet die Inselbewohner eine Art freundlicher Zurückhaltung aus, Einmischung und Indiskretion sind verpönt. Das schafft eine für den Fremden freundliche Atmosphäre - und zugleich eine angenehme Form der Distanz.
Wer Mallorca zum ersten Mal bereist, kommt ganz gewiss mit Vorurteilen - zu viel und oft auch zu klischeehaft wurde und wird über die Insel berichtet. Wenn prominente Inselgäste und ganz normale Häuslebauer schon nach zwei, drei Aufenthalten von „ihrer“ Insel reden, mag das ihrer persönlichen Empfindung entsprechen. Mallorca in seiner Eigenart und Vielfalt werden sie jedoch schwerlich kennengelernt haben. Denn der wahre Charme der Insel und ihrer Bewohner erschließt sich nicht im Handumdrehen; er will poc a poc, gemächlich, wie es die Mallorquiner selber lieben, entdeckt werden....




